Tagung zu Syrien erschreckend aktuell

Wissenschaftler: Religiöse Konflikte erschweren den Dialog

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Im August 2012 beschäftigten sich die Teilnehmenden an der jährlich stattfindenden Nahosttagung mit einem Land, aus dem uns fast täglich Nachrichten über neue Gewalttaten und weitere Tote erreichen. "Der Konflikt in Syrien und seine religiösen Komponenten" – so lautete das Thema, zu dem namhafte Wissenschaftler aus verschiedenen Disziplinen ihren Beitrag für ein besseres Verständnis der schwierigen Situation in Syrien leisteten.



Politikwissenschaftler Erik Mohns  (Foto: Ev. Akademie, s. auch Impressum)
Politikwissenschaftler Erik Mohns
Foto: Ev. Akademie

Die gemeinsamen Ursachen aller arabischen Aufstände, die im Dezember 2010 in Tunesien  begannen und seitdem mehrere Länder erfassten, lagen vor allem in Armut und Korruption, wie der der Politikwissenschaftler Erik Mohns in seiner Analyse u.a. darlegte.

Im Laufe der Tagung wurde allerdings schnell deutlich, dass die Revolte gegen die Assad-Dynastie inzwischen kaum noch mit Libyen oder Ägypten zu vergleichen ist. So ist Syrien durch eine Vielfalt an Konfessionen geprägt. Deren geschichtliche Entwicklung und die Besonderheiten ihrer jeweiligen Lehre arbeitete der Kirchenhistoriker Prof. Karl Pinggéra heraus. Vor dem Hintergrund der religiösen Pluralität wird die Lage in dem 20 Millionen Einwohner zählenden Land immer unübersichtlicher.

Nach der Einschätzung des Islamwissenschaftlers Prof. Udo Steinbach nimmt die Auseinandersetzung entlang der konfessionellen Linien auch in Syrien weiter zu, was ein baldiges Ende der Gewalttaten unwahrscheinlich mache. Seine Befürchtung wurde von anderen geteilt, dass der Bürgerkrieg in Syrien ähnlich lange dauern könnte wie im Libanon, wo die bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen den Konfessionen insgesamt 15 Jahre (1975-1990) das Land überschatteten. Steinbach betonte, multireligiöse Länder hätten es besonders schwer eine Transformation in ein neues politisches System zu gestalten.

Der rum-orthodoxe Priester Alexius Chehade wies in seinem Beitrag vor allem auf die Heterogenität der Opposition hin, was eine baldige Lösung des Konfliktes ebenfalls unwahrscheinlich mache. Der in Wien lebende Syrer Waseem Haddad hat die Notwendigkeit des Dialoges herausgestellt. Auch Prof. Martin Tamcke betonte die Alternativlosigkeit zum Dialog. Beide Referenten stellten übereinstimmend fest, dass in Syrien diesbezüglich keine Erfahrungen vorhanden seien. Erst jetzt beginne an einigen Stellen ein gegenseitiges Wahrnehmen der Angehörigen der jeweils anderen Religion.

Der Schriftsteller Jusuf Naoum hat in seinem kulturellen Beitrag zur Tagung nicht nur durch seine arabischen Anekdoten die Zuhörenden zum Schmunzeln gebracht, sondern dabei etwas von der arabischen Seele spüren lassen, die im Leiden nicht verlernt zu lachen.  (Andreas Herrmann)

Tagung zu Syrien erschreckend aktuell 2018-09-20 297