Schritte in Athen - ein Reisebericht

Presseartikel "Schritte in Athen"

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Diese Masken des kürzlich verstorbenen Künstlers Beau Dick waren in Athen zu sehen.  Foto: picture alliance/
Diese Masken des kürzlich verstorbenen Künstlers Beau Dick waren in Athen zu sehen. Foto: picture alliance/

Schritte in Athen

Ein Reisebericht.

Die Stadt zeugt vom Glanz vergangener Epochen und kann die aktuelle Armut vieler Menschen nicht verbergen – zu Besuch im Athener Teil der documenta.
Von Kerstin Vogt

  

Athen. Es ist Anfang April. Ich steige an der Metro- station Akropoli aus und warte auf eine junge Frau,
die Kulturjournalistin einer großen Tageszeitung
in Athen ist.
 

Wir sprechen über die documenta in Athen und was dieses Kunstereignis für die Stadt bedeutet. Noch fällt ihr der Zugang zur documenta schwer, die wie eine hochintellektuelle Veranstalttung wirkt, wie ein politischer Diskurs, zu dem nur Eingeweihte Zugang haben. Aber sie freut sich, die 46 Standorte verteilt über die ganze Stadt kennenzulernen. Sie befürchtet nur, dass in ihr ohnehin schweres Leben als alleinerziehende Mutter zweier Kinder noch mehr belastende Themen hineingetragen werden ohne Hoffnungsschimmer.
Aber Hoffnung wäre das, was sie dringend bräuchte.


Fünf Wochen später sehen wir uns wieder. Ich bin mit einer deutschen Reisegruppe in Athen. Kunst- und Kulturinteressierte, für die sonst die documenta in Kassel alle fünf Jahre fest auf dem Programm steht.
Wir gehen in das EMST, das Museum für zeitgenössische Kunst, das in einer ehemaligen Brauerei unter
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gebracht ist. Aus Geldmangel konnte es bisher nicht eröffnet werden. Der Bestand wurde zum großen Teil nach Kassel gebracht, um dort gezeigt zu werden.

In Athen finden die meist ausländischen Besucher nun indigene Kunst: etwa die Masken des kürzlich verstorbenen Künstlers Beau Dick (Foto), der zum kanadischen Stamm der Kwakwaka’wakw gehört und gegen die Folgen der Kolonialisierung in Victoria, British Columbia, protestiert. Ruhig und ordentlich stehen
die Masken in einem lichtdurchfluteten Raum, bis sie wieder nach Kanada zur rituellen Verbrennung zurückgebracht werden. Kunst, die sich der Kommerzialisierung verschließen will, weil sie nicht käuflich ist.

Wir fahren zum Odeion, dem Athener Konservatorium. In einem abgedunkelten Raum projiziert Emeka Ogboh die aktuellen Börsenkurse an die Wand, zu einer sehr berührenden Musik, die von Flucht und Migration handelt. Diese Arbeit spiegelt sich in der Stadt, die vom Glanz vergangener Epochen zeugt und zugleich die aktuelle Armut vieler Menschen nicht verbergen kann.

Überall sieht und riecht man, dass hier Menschen auf der Straße leben. Vor dem Odeion hat Joar Nango,
der zum Volk der Samen gehört, seine Zelte aufgeschlagen als Ort der Begegnung und des Protestes, dass die dortige Regierung ihren Lebensraum immer wieder einschränkt. Die documenta wirkt wie ein Zeigefinger auf vielfältige Probleme unserer Zeit. Doch wessen Bewusstsein soll damit geschärft werden?

Diese Kunst will politisch sein und findet an einem Ort statt, der selbst von politischen Unruhen aufgewühlt ist. Wir erleben einen Generalstreik mit Demonstrationen; es geht um die Verabschiedung von Kürzungen.
Steine fliegen, Gewalt bricht sich Bahn. Kann Kunst zu einem Perspektivwechsel führen, wie die Kuratoren hoffen? Trotz unserer unterschiedlichen Lebenssituationen haben wir erstaunlich parallele Erfahrungen mit der documenta gemacht. Sie hat uns zusammengeführt.
 

Nun ist die documenta wieder gegangen. Was bleibt ist der Eindruck, dass es heute solcher Großereignisse bedarf, um den Fokus auf die Wunden unserer Zeit zu legen und für einen kurzen Augenblick die Perspektive des anderen einzunehmen. Vielleicht kein Hoffnungszeichen, aber ein erster Schritt.

 

Pfarrerin Kerstin Vogt ist Studienleiterin für den Bereich Kultur, Spiritualität, konfessionelle Ökumene und Genderfragen an der Evangelischen Akademie Hofgeismar.