Hofgeismarer Lateinamerikagespräche 2020

KRISEN-KLIMA

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KRISEN-KLIMA: UMWELTKONFLIKTE AUS LATEINAMERIKANISCHER PERSPEKTIVE im Gespräch mit Kirchen, Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft Evangelische Akademie Hofgeismar, 24. – 26. Januar 2020

Ev. Akademie Hofgeismar
Ev. Akademie Hofgeismar

Der Klimawandel, das Artensterben sowie weitreichende ökologische Verwerfungen stellen Wissenschaft, Politik und Gesellschaft weltweit vor neue Herausforderungen. Welche wirtschaftlichen, soziokulturellen und ökologischen Prozesse spielen hierbei eine Rolle? Inwiefern werden soziale Konflikte von ökologischen Veränderungen hervorgerufen und beeinflusst? Und: Gibt es Alternativen zu Rohstoffausbeutung und Umweltzerstörung in Lateinamerika und darüber hinaus? Die diesjährigen Hofgeismarer Lateinamerikagespräche zum Thema Krisen-Klima: Umweltkonflikte aus lateinamerikanischer Perspektive setzten sich mit diesen Fragen auseinander. Auf der interdisziplinären Tagung diskutierten fast 90 Teilnehmende aus Wissenschaft, Gesellschaft und Zivilgesellschaft vielfältige Facetten sozio-ökologischer Krisen in verschiedenen Fallbeispielen und aus unterschiedlicher theoretischer Perspektive.

In ihren einleitenden Worten präsentierten die Organisator*Innen Prof. Dr. Hans-Jürgen Burchardt (Uni Kassel), Prof. Dr. Olaf Kaltmeier (Uni Bielefeld), Prof. Dr. Stefan Peters (Uni Gießen) sowie Prof. Dr. Eleonora Rohland (Uni Bielefeld) und die Studienleiterin der ev. Akademie Hofgeismar Christina Schnepel nicht nur die Ziele und Themen der Tagung, sondern stellten die unterschiedlichen Schwerpunkte in einen inhaltlichen Zusammenhang. Dabei fokussierten sie das von den Naturwissenschaften eingeführte Konzept des Anthropozäns als neues Erdzeitalter, das auf den anthropogenen Klimawandel, zahlreiche ökologischen Wandlungsprozesse sowie auf eine ressourcenintensive und globale Ökonomie verweist. Genau diese Wirtschafts- und Gesellschaftsstruktur nahm Prof. Dr. Ulrich Brand (Uni Wien) dann in seinem Vortrag zum Anlass, um zu verdeutlichen, wie sich – nicht nur in Lateinamerika – ein ressourcenbasiertes Entwicklungsmodell in Gesellschaften einschreibt. Aus einer Perspektive der politischen Ökologie auf die gesellschaftlichen Naturverhältnisse blickte der Beitrag auf den lateinamerikanischen Neoextraktivismus, in dem sich seit den 2000 der Rohstoffabbau und -export intensivierte. Brand diskutierte, inwiefern dieses Phänomen Ausdruck einer imperialen Produktions- und Lebensweise ist, die sich durch materiellen Konsum und die Ausbeutung von Mensch und Natur sowohl im globalen Norden als auch im globalen Süden reproduziere.

Dem Themenkomplex des Neoextraktivismus in Lateinamerika wurde im Anschluss ein eigenes Panel gewidmet, dass sich auch mit möglichen Alternativen im Rahmen einer Green-Economy beschäftigte. In seinem Vortrag zog Prof. Dr. Stefan Peters zunächst eine Bilanz der neoextraktivistischen Epoche in Lateinamerika, bei der er theoretisch die strukturelle Bedeutung der Rente als besonderer Form des Überschusses hervorhob. So hätten sich lateinamerikanische Staaten – bei allen positiven Einflüssen auf manche Sozialindikatoren – hauptsächlich darauf beschränkt, zusätzliche Einnahmen aus dem Rohstoffexport zu verteilen, ohne jedoch tiefgreifende strukturelle Transformationen einzuleiten. Aus einer Perspektive der ökofeministischen Theorie ergänzte Dr. Sandra Lassak (Bischöfliche Aktion Adveniat e.V., Essen) diese Bestandsaufnahme um eine Theologie des Extraktivismus und wies auf die zahlreichen Verschränkungen von moderner Rationalität, dem Erstarken rechts-populistischer Kräfte und einer intensivierten Naturausbeutung hin. Dabei ging Lassak auch auf Alternativen zu einem „westlichen“ Entwicklungs- und Gesellschaftsverständnis ein, die nicht nur an indigene Konzepte in Lateinamerika anschließen, sondern auch über einen auf der Ausbeutung von Frauen und Natur basierenden Extraktivismus hinausweisen. Zur Verschränkung von Extraktivismus und Bioökonomie referierte anschließend Jun.-Prof. Dr. Maria Backhouse (Uni Jena) und behandelte die komplexen und widersprüchlichen Entwicklungen bei der Produktion von Bioenergie in Brasilien. In ihren Augen wird der agroindustriellen Produktion von Biokraftstoffen aus Zuckerrohr für den einheimischen Markt im Zuge des Klimawandels eine besondere Legitimität zugeschrieben. Allerdings deuten insbesondere die ungleiche Verteilung von Land(-zugang) und die technologische Innovation in der Produktion auf eine Intensivierung des extraktiven Modells – mit allen negativen Umwelteffekten – hin.

Das dritte Panel der Tagung in Hofgeismar verband die (globalen) Auswirkungen des Klimawandels mit sozio-ökologischen Konflikten in Lateinamerika. Der Vortrag von Dr. Franz Mauelshagen (Wien) und Dr. Andrés López Rivera (Köln) lieferte, ausgehend von einer historischen Beschreibung der Klimawandel-Forschung, eine Einordnung der lateinamerikanischen Region in die globale Klimapolitik. Hierbei wird deutlich, dass verschiedenen lateinamerikanische Staaten in unterschiedlicher Art und Weise in klimapolitischen Aushandlungen und Verträge eingebunden waren. Illustriert wurden diese Einblicke durch einen Vergleich von Klima- und Umweltindikatoren unterschiedlicher Länder. Im Anschluss synthetisierte Dr. Kerstin Schmidt (Uni Bielefeld) anhand des Bildes „Klimaflüchtling" die Debatte um Klimamigration und beleuchtete sowohl theoretische und als auch empirische Fallstricke des Begriffs. Die Multikausalität hinter Migration verdeutlichte Schmidt auch an ihrer eigenen empirischen Arbeit zu Mexiko, in der sie die veränderten ökologischen Bedingungen vor Ort mit spezifischen Migrationserfahrungen verknüpfte. Dr. Rosa Lehmann (Uni Jena) wand in ihrem Vortrag den Blick auf die sozialen Auseinandersetzungen um Ausbau der Windenergie am Isthmus von Tehauntepec in Mexiko und verdeutlichte so die konkreten Widersprüche zwischen der Produktion „grüner" Energie und den sozialen Bedürfnissen und Bedingungen vor Ort. Dabei ging sie nicht nur auf beteiligte Akteure wie Betreiberfirmen, staatliche Institutionen und lokale Bevölkerungsteile ein, sondern verwies auf die historische Tradition von Land- und Verteilungskonflikten sowie auf die Rolle demokratischer Mitbestimmung, Information und Partizipation.

Einen konkreten Vorschlag, der sowohl zeitdiagnostische Analysen von sozialer Ungleichheit mit der Notwendigkeit einer ressourcensparenden Lebensweise verbindet, legte Prof Dr. Hans-Jürgen Burchardt (Uni Kassel) vor. Mit seinem Konzept des Zeitwohlstandes plädiertet er für eine Akzentverschiebung der Debatte weg von materiellen Wohlstandsindikatoren hin zu der Verfügung über Zeitressourcen, die für ein sinnstiftendes Leben aufgewandt werden können. Insofern votiert Burchardt für eine lebensweltliche Analyse von Zeit-Ungleichheiten und richtet seinen Blick auf konkrete Zeitpolitiken, die die Generierung relationaler Güter – z.B. soziale Beziehungen, intakte Umwelt und demokratische Partizipation – ermöglichen.

Im letzten Panel der Tagung beschäftigte sich zunächst Dr. Antoine Acker (Uni Zürich) mit der Umweltzerstörung im brasilianischen Amazonas, indem er sowohl eine geschichtliche Einordnung der Erschließung dieser Region und ihrer Inwertsetzung vornahm. Dabei setzte er einen besonderen Fokus auf die Entwicklungspolitik die brasilianischen Staaten in den 1970er Jahren und legte dar, wie die Ausdehnung der Agrargrenze im Rahmen einer exportorientierten Agrarwirtschaft große Flächen des Amazonas zerstörte. Ein ähnliches Thema präsentierten dann Heiko Thiele und Sherin Abu-Chouka (Zwischenzeit e.V. Münster) mit ihrem Dokumentarfilmprojekt zur Holzwirtschaft in Chile. Hier kontextualisieren sie den Zusammenhang von FSC-Zertifizierungen, monokultureller Produktion von Zellstoff, Kontamination von Wäldern und Landkonflikten. In beeindruckenden Bildern und mithilfe von Ausschnitten aus Interviews macht der Beitrag deutlich, dass nicht nur beständig formulierte Umweltstandards unterlaufen werden, sondern soziale Proteste und Initiativen, die sich gegen eine einseitige extraktive Nutzung der Wälder in Chile wehren, zunehmend kriminalisiert werden.

Der anthropogene Klimawandel und die Suche nach Alternativen zum rohstoff- und energieintensiven Wirtschaftsmodell – und das haben auch die anregenden Diskussionen gezeigt – blieben weiterhin Thema. Prof Dr. Rohland und Prof. Dr. Kaltmeier machten dies auch in ihren Abschlussworten deutlich, indem sie die Vielfältigkeit sozioökonomischer Konflikte im Anthropozän betonten. Gleichzeitig zeigte sich auch am Ende der Tragung die politische und wissenschaftliche Relevanz dieses Themas, das nicht nur die direkt Betroffenen berührt, sondern – gerade auch in Lateinamerika – Herausforderungen an staatliches und zivilgesellschaftliches Handeln formuliert. Das Interesse von Teilnehmenden, Studierenden und Besuchern hat gezeigt, dass solche Debatten nicht nur reizvoll und wichtig sind, sondern dass ein enger Austausch zwischen Wissenschaft, Politik, Zivilgesellschaft und der Bevölkerung möglich und wünschenswert ist.

Referenten: 

Prof. Dr. Hans-Jürgen Burchardt, CALAS/CELA, Universität Kassel

Prof. Dr. Olaf Kaltmeier, CALAS/CIAS, Universität Bielefeld    

Prof. Dr. Stefan Peters, CAPAZ, Justus-Liebig-Universität Gießen 

Prof. Dr. Eleonora Rohland, CALAS/CIAS, Universität Bielefeld

Prof. Dr. Ulrich Brand, Universität Wien

Dr. Sandra Lassak, Bischöfliche Aktion Adveniat e. V. Essen

Jun.-Prof. Dr. Maria Backhouse, Friedrich-Schiller-Universität Jena

Dr. Franz Mauelshagen, Vienna Anthropocene Group, Wien

Dr. Andrés López Rivera, MPI for the Study of Societies Köln

Dr. Kerstin Schmidt, Universität Bielefeld

Dr. Rosa Lehmann, Friedrich-Schiller-Universität Jena

Dr. Antoine Acker, Universität Zürich

Heiko Thiele und Sherin Abu-Chouka, Zwischenzeit e.V., Münster 

Christina Schnepel, Ev. Akademie Hofgeismar

 


 

 

 

 

 

Hofgeismarer Lateinamerikagespräche 2020

Der Klimawandel, das Artensterben sowie weitreichende ökologische Verwerfungen stellen Wissenschaft, Politik und Gesellschaft weltweit vor neue Herausforderungen. Welche wirtschaftlichen, soziokulturellen und ökologischen Prozesse spielen hierbei eine Rolle? Inwiefern werden soziale Konflikte von ökologischen Veränderungen hervorgerufen und beeinflusst? Und: Gibt es Alternativen zu Rohstoffausbeutung und Umweltzerstörung in Lateinamerika und darüber hinaus? Die diesjährigen Hofgeismarer Lateinamerikagespräche zum Thema Krisen-Klima: Umweltkonflikte aus lateinamerikanischer Perspektive setzten sich mit diesen Fragen auseinander. Auf der interdisziplinären Tagung diskutierten fast 90 Teilnehmende aus Wissenschaft, Gesellschaft und Zivilgesellschaft vielfältige Facetten sozio-ökologischer Krisen in verschiedenen Fallbeispielen und aus unterschiedlicher theoretischer Perspektive.

In ihren einleitenden Worten präsentierten die Organisator*Innen Prof. Dr. Hans-Jürgen Burchardt (Uni Kassel), Prof. Dr. Olaf Kaltmeier (Uni Bielefeld), Prof. Dr. Stefan Peters (Uni Gießen) sowie Prof. Dr. Eleonora Rohland (Uni Bielefeld) und die Studienleiterin der ev. Akademie Hofgeismar Christina Schnepel nicht nur die Ziele und Themen der Tagung, sondern stellten die unterschiedlichen Schwerpunkte in einen inhaltlichen Zusammenhang. Dabei fokussierten sie das von den Naturwissenschaften eingeführte Konzept des Anthropozäns als neues Erdzeitalter, das auf den anthropogenen Klimawandel, zahlreiche ökologischen Wandlungsprozesse sowie auf eine ressourcenintensive und globale Ökonomie verweist. Genau diese Wirtschafts- und Gesellschaftsstruktur nahm Prof. Dr. Ulrich Brand (Uni Wien) dann in seinem Vortrag zum Anlass, um zu verdeutlichen, wie sich – nicht nur in Lateinamerika – ein ressourcenbasiertes Entwicklungsmodell in Gesellschaften einschreibt. Aus einer Perspektive der politischen Ökologie auf die gesellschaftlichen Naturverhältnisse blickte der Beitrag auf den lateinamerikanischen Neoextraktivismus, in dem sich seit den 2000 der Rohstoffabbau und -export intensivierte. Brand diskutierte, inwiefern dieses Phänomen Ausdruck einer imperialen Produktions- und Lebensweise ist, die sich durch materiellen Konsum und die Ausbeutung von Mensch und Natur sowohl im globalen Norden als auch im globalen Süden reproduziere.

Dem Themenkomplex des Neoextraktivismus in Lateinamerika wurde im Anschluss ein eigenes Panel gewidmet, dass sich auch mit möglichen Alternativen im Rahmen einer Green-Economy beschäftigte. In seinem Vortrag zog Prof. Dr. Stefan Peters zunächst eine Bilanz der neoextraktivistischen Epoche in Lateinamerika, bei der er theoretisch die strukturelle Bedeutung der Rente als besonderer Form des Überschusses hervorhob. So hätten sich lateinamerikanische Staaten – bei allen positiven Einflüssen auf manche Sozialindikatoren – hauptsächlich darauf beschränkt, zusätzliche Einnahmen aus dem Rohstoffexport zu verteilen, ohne jedoch tiefgreifende strukturelle Transformationen einzuleiten. Aus einer Perspektive der ökofeministischen Theorie ergänzte Dr. Sandra Lassak (Bischöfliche Aktion Adveniat e.V., Essen) diese Bestandsaufnahme um eine Theologie des Extraktivismus und wies auf die zahlreichen Verschränkungen von moderner Rationalität, dem Erstarken rechts-populistischer Kräfte und einer intensivierten Naturausbeutung hin. Dabei ging Lassak auch auf Alternativen zu einem „westlichen“ Entwicklungs- und Gesellschaftsverständnis ein, die nicht nur an indigene Konzepte in Lateinamerika anschließen, sondern auch über einen auf der Ausbeutung von Frauen und Natur basierenden Extraktivismus hinausweisen. Zur Verschränkung von Extraktivismus und Bioökonomie referierte anschließend Jun.-Prof. Dr. Maria Backhouse (Uni Jena) und behandelte die komplexen und widersprüchlichen Entwicklungen bei der Produktion von Bioenergie in Brasilien. In ihren Augen wird der agroindustriellen Produktion von Biokraftstoffen aus Zuckerrohr für den einheimischen Markt im Zuge des Klimawandels eine besondere Legitimität zugeschrieben. Allerdings deuten insbesondere die ungleiche Verteilung von Land(-zugang) und die technologische Innovation in der Produktion auf eine Intensivierung des extraktiven Modells – mit allen negativen Umwelteffekten – hin.

Das dritte Panel der Tagung in Hofgeismar verband die (globalen) Auswirkungen des Klimawandels mit sozio-ökologischen Konflikten in Lateinamerika. Der Vortrag von Dr. Franz Mauelshagen (Wien) und Dr. Andrés López Rivera (Köln) lieferte, ausgehend von einer historischen Beschreibung der Klimawandel-Forschung, eine Einordnung der lateinamerikanischen Region in die globale Klimapolitik. Hierbei wird deutlich, dass verschiedenen lateinamerikanische Staaten in unterschiedlicher Art und Weise in klimapolitischen Aushandlungen und Verträge eingebunden waren. Illustriert wurden diese Einblicke durch einen Vergleich von Klima- und Umweltindikatoren unterschiedlicher Länder. Im Anschluss synthetisierte Dr. Kerstin Schmidt (Uni Bielefeld) anhand des Bildes „Klimaflüchtling" die Debatte um Klimamigration und beleuchtete sowohl theoretische und als auch empirische Fallstricke des Begriffs. Die Multikausalität hinter Migration verdeutlichte Schmidt auch an ihrer eigenen empirischen Arbeit zu Mexiko, in der sie die veränderten ökologischen Bedingungen vor Ort mit spezifischen Migrationserfahrungen verknüpfte. Dr. Rosa Lehmann (Uni Jena) wand in ihrem Vortrag den Blick auf die sozialen Auseinandersetzungen um Ausbau der Windenergie am Isthmus von Tehauntepec in Mexiko und verdeutlichte so die konkreten Widersprüche zwischen der Produktion „grüner" Energie und den sozialen Bedürfnissen und Bedingungen vor Ort. Dabei ging sie nicht nur auf beteiligte Akteure wie Betreiberfirmen, staatliche Institutionen und lokale Bevölkerungsteile ein, sondern verwies auf die historische Tradition von Land- und Verteilungskonflikten sowie auf die Rolle demokratischer Mitbestimmung, Information und Partizipation.

Einen konkreten Vorschlag, der sowohl zeitdiagnostische Analysen von sozialer Ungleichheit mit der Notwendigkeit einer ressourcensparenden Lebensweise verbindet, legte Prof Dr. Hans-Jürgen Burchardt (Uni Kassel) vor. Mit seinem Konzept des Zeitwohlstandes plädiertet er für eine Akzentverschiebung der Debatte weg von materiellen Wohlstandsindikatoren hin zu der Verfügung über Zeitressourcen, die für ein sinnstiftendes Leben aufgewandt werden können. Insofern votiert Burchardt für eine lebensweltliche Analyse von Zeit-Ungleichheiten und richtet seinen Blick auf konkrete Zeitpolitiken, die die Generierung relationaler Güter – z.B. soziale Beziehungen, intakte Umwelt und demokratische Partizipation – ermöglichen.

Im letzten Panel der Tagung beschäftigte sich zunächst Dr. Antoine Acker (Uni Zürich) mit der Umweltzerstörung im brasilianischen Amazonas, indem er sowohl eine geschichtliche Einordnung der Erschließung dieser Region und ihrer Inwertsetzung vornahm. Dabei setzte er einen besonderen Fokus auf die Entwicklungspolitik die brasilianischen Staaten in den 1970er Jahren und legte dar, wie die Ausdehnung der Agrargrenze im Rahmen einer exportorientierten Agrarwirtschaft große Flächen des Amazonas zerstörte. Ein ähnliches Thema präsentierten dann Heiko Thiele und Sherin Abu-Chouka (Zwischenzeit e.V. Münster) mit ihrem Dokumentarfilmprojekt zur Holzwirtschaft in Chile. Hier kontextualisieren sie den Zusammenhang von FSC-Zertifizierungen, monokultureller Produktion von Zellstoff, Kontamination von Wäldern und Landkonflikten. In beeindruckenden Bildern und mithilfe von Ausschnitten aus Interviews macht der Beitrag deutlich, dass nicht nur beständig formulierte Umweltstandards unterlaufen werden, sondern soziale Proteste und Initiativen, die sich gegen eine einseitige extraktive Nutzung der Wälder in Chile wehren, zunehmend kriminalisiert werden.

Der anthropogene Klimawandel und die Suche nach Alternativen zum rohstoff- und energieintensiven Wirtschaftsmodell – und das haben auch die anregenden Diskussionen gezeigt – blieben weiterhin Thema. Prof Dr. Rohland und Prof. Dr. Kaltmeier machten dies auch in ihren Abschlussworten deutlich, indem sie die Vielfältigkeit sozioökonomischer Konflikte im Anthropozän betonten. Gleichzeitig zeigte sich auch am Ende der Tragung die politische und wissenschaftliche Relevanz dieses Themas, das nicht nur die direkt Betroffenen berührt, sondern – gerade auch in Lateinamerika – Herausforderungen an staatliches und zivilgesellschaftliches Handeln formuliert. Das Interesse von Teilnehmenden, Studierenden und Besuchern hat gezeigt, dass solche Debatten nicht nur reizvoll und wichtig sind, sondern dass ein enger Austausch zwischen Wissenschaft, Politik, Zivilgesellschaft und der Bevölkerung möglich und wünschenswert ist.

Referenten: 

Prof. Dr. Hans-Jürgen Burchardt, CALAS/CELA, Universität Kassel

Prof. Dr. Olaf Kaltmeier, CALAS/CIAS, Universität Bielefeld    

Prof. Dr. Stefan Peters, CAPAZ, Justus-Liebig-Universität Gießen 

Prof. Dr. Eleonora Rohland, CALAS/CIAS, Universität Bielefeld

Prof. Dr. Ulrich Brand, Universität Wien

Dr. Sandra Lassak, Bischöfliche Aktion Adveniat e. V. Essen

Jun.-Prof. Dr. Maria Backhouse, Friedrich-Schiller-Universität Jena

Dr. Franz Mauelshagen, Vienna Anthropocene Group, Wien

Dr. Andrés López Rivera, MPI for the Study of Societies Köln

Dr. Kerstin Schmidt, Universität Bielefeld

Dr. Rosa Lehmann, Friedrich-Schiller-Universität Jena

Dr. Antoine Acker, Universität Zürich

Heiko Thiele und Sherin Abu-Chouka, Zwischenzeit e.V., Münster 

Christina Schnepel, Ev. Akademie Hofgeismar

 


 

 

 

 

 

2020-04-02 825