Die Corona-Krise

– ein Wendepunkt der Geschichte?

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Ein Online-Gespräch mit Dr. Christoph Quarch an der Ev. Akademie Hofgeismar Einmal in die Zukunft und zurück: Wenn wir in einigen Jahren auf 2020 blicken, wird die Gesellschaft feststellen, dass das Corona-Virus auf seiner verheerenden Weltreise zwar Leid und Not brachte, aber

auch die Stunde der Wahrheit. Das meint der Philosoph Dr. Christoph Quarch und zog aus der Corona-Krise 15 Lehren, die er in seinem Buch „Neustart“ im Frühjahr publizierte. Auf Einladung der Evangelischen Akademie Hofgeismar, an der er schon häufig als Referent zu Gast war, stellte er jetzt in einem Webinar mit dem Titel „Die Corona-Krise – ein Wendepunkt der Geschichte?“ (auf dem YouTube-Kanal der Ev. Akademie Hofgeismar abrufbar) einige seiner Thesen und Beobachtungen vor. Die Pandemie sei für ihn wie ein Brennglas, denn sie gebe Dinge zu erkennen, die bisher übersehen wurden, sagt er und ist sicher, dass sich die Menschheit an einem Scheideweg befindet. Entweder werde die Krise zum Auftakt einer Umgestaltung der Gesellschaft in allen Bereichen oder sie beschleunige die Entwicklungen der Vergangenheit und verstärke das heutige System, so der 55-Jährige: „So oder so wird die Corona-Krise Geschichte schreiben.“

Als positiv wertet er die Bereitschaft, sich für Risikogruppen einzusetzen und für sie persönliche Opfer zu erbringen, dies sei der Beweis für einen ausgeprägten Gemeinsinn. Und auch das gebotene Abstandhalten, unter dem Unwort „social distancing“ bekannt, habe nicht zur Entfremdung, sondern zur Sehnsucht nach sozialer Nähe geführt. Doch es gebe, so Quarch, nicht nur Gemeinsinn: Staatliche Hilfen wurden von einigen ausgenutzt und auf den so genannten Hygiene-Demonstrationen wurden „unter dem Banner vermeintlicher Freiheitsrechte jegliche Solidarität mit Risikogruppen ausgesetzt“. Skeptisch ist er auch bei der Frage, ob die Chance eines gesteigerten Gemeinsinns in Europa genutzt werde, denn im Netz werde die Angst vor weiteren Infektionen umgehen, die dann zu einer Erosion des gesellschaftlichen Miteinanders führen könne.

Und wie ist es um die Wissenschaft bestellt? Für Quarch zeigt die Pandemie, „dass in Krisenzeiten eine wissenschaftsbasierte Politik erfolgreich sein kann“. Problematisch sieht er aber die Fokussierung auf die „technische Intensivmedizin“, die dann (glücklicherweise) meist ungenutzt geblieben sei. „Wir brauchen mehr Weisheit und nicht mehr Wissen“, sagt der Philosoph und meint damit, dass statt einer „Herrschaft der Virologen“- einen Begriff, den er selbst in Anführungszeichen setzt - vielmehr auch die praktizierenden Ärzte und die Immunforschung gehört werden müssen, um vor allem die junge Generation nicht zu überfordern und gleichzeitig die Resilienz der Menschen zu stärken.

Aber nicht nur der Körper, auch der Geist will in Zeiten wie diesen gestärkt sein. Da aber zeigte sich in der Corona-Krise „das spirituelle Vakuum unserer Gesellschaft“, notiert Quarch. Die Sehnsucht nach geistigem Zuspruch war groß, aber anstatt sich mit den existenziellen Fragen des Lebens an die Religion zu wenden, interessierten sich viele Menschen mehr für die Antworten aus der Wissenschaft, der Technik sowie der Ökonomie. Spirituelle Zuflucht wurde in der Natur gesucht und gefunden. „Die christlichen Kirchen wurden in der Breite nicht als sinnstiftende, kraftspendende Institution wahrgenommen“, stellt der Theologe Quarch fest. Und geht noch einen Schritt weiter: Der Mangel an geistiger Aufarbeitung der Pandemie habe vielmehr das Aufblühen abstruser Verschwörungstheorien befördert. Christine Lang-Blieffert

Dr. Christoph Quarch (55) studierte Philosophie und Evangelische Theologie in Bielefeld, Heidelberg und Tübingen. Er war von 2000 bis 2006 Programmchef des Deutschen Evangelischen Kirchentags. Seit 2008 ist er selbstständig und arbeitet als Dozent an Hochschulen, Autor, Reiseleiter und vieles mehr.

Hier klicken und direkt zum Video gelangen: https://www.youtube.com/watch?v=M8fV__7vdSo

Die Corona-Krise

auch die Stunde der Wahrheit. Das meint der Philosoph Dr. Christoph Quarch und zog aus der Corona-Krise 15 Lehren, die er in seinem Buch „Neustart“ im Frühjahr publizierte. Auf Einladung der Evangelischen Akademie Hofgeismar, an der er schon häufig als Referent zu Gast war, stellte er jetzt in einem Webinar mit dem Titel „Die Corona-Krise – ein Wendepunkt der Geschichte?“ (auf dem YouTube-Kanal der Ev. Akademie Hofgeismar abrufbar) einige seiner Thesen und Beobachtungen vor. Die Pandemie sei für ihn wie ein Brennglas, denn sie gebe Dinge zu erkennen, die bisher übersehen wurden, sagt er und ist sicher, dass sich die Menschheit an einem Scheideweg befindet. Entweder werde die Krise zum Auftakt einer Umgestaltung der Gesellschaft in allen Bereichen oder sie beschleunige die Entwicklungen der Vergangenheit und verstärke das heutige System, so der 55-Jährige: „So oder so wird die Corona-Krise Geschichte schreiben.“

Als positiv wertet er die Bereitschaft, sich für Risikogruppen einzusetzen und für sie persönliche Opfer zu erbringen, dies sei der Beweis für einen ausgeprägten Gemeinsinn. Und auch das gebotene Abstandhalten, unter dem Unwort „social distancing“ bekannt, habe nicht zur Entfremdung, sondern zur Sehnsucht nach sozialer Nähe geführt. Doch es gebe, so Quarch, nicht nur Gemeinsinn: Staatliche Hilfen wurden von einigen ausgenutzt und auf den so genannten Hygiene-Demonstrationen wurden „unter dem Banner vermeintlicher Freiheitsrechte jegliche Solidarität mit Risikogruppen ausgesetzt“. Skeptisch ist er auch bei der Frage, ob die Chance eines gesteigerten Gemeinsinns in Europa genutzt werde, denn im Netz werde die Angst vor weiteren Infektionen umgehen, die dann zu einer Erosion des gesellschaftlichen Miteinanders führen könne.

Und wie ist es um die Wissenschaft bestellt? Für Quarch zeigt die Pandemie, „dass in Krisenzeiten eine wissenschaftsbasierte Politik erfolgreich sein kann“. Problematisch sieht er aber die Fokussierung auf die „technische Intensivmedizin“, die dann (glücklicherweise) meist ungenutzt geblieben sei. „Wir brauchen mehr Weisheit und nicht mehr Wissen“, sagt der Philosoph und meint damit, dass statt einer „Herrschaft der Virologen“- einen Begriff, den er selbst in Anführungszeichen setzt - vielmehr auch die praktizierenden Ärzte und die Immunforschung gehört werden müssen, um vor allem die junge Generation nicht zu überfordern und gleichzeitig die Resilienz der Menschen zu stärken.

Aber nicht nur der Körper, auch der Geist will in Zeiten wie diesen gestärkt sein. Da aber zeigte sich in der Corona-Krise „das spirituelle Vakuum unserer Gesellschaft“, notiert Quarch. Die Sehnsucht nach geistigem Zuspruch war groß, aber anstatt sich mit den existenziellen Fragen des Lebens an die Religion zu wenden, interessierten sich viele Menschen mehr für die Antworten aus der Wissenschaft, der Technik sowie der Ökonomie. Spirituelle Zuflucht wurde in der Natur gesucht und gefunden. „Die christlichen Kirchen wurden in der Breite nicht als sinnstiftende, kraftspendende Institution wahrgenommen“, stellt der Theologe Quarch fest. Und geht noch einen Schritt weiter: Der Mangel an geistiger Aufarbeitung der Pandemie habe vielmehr das Aufblühen abstruser Verschwörungstheorien befördert. Christine Lang-Blieffert

Dr. Christoph Quarch (55) studierte Philosophie und Evangelische Theologie in Bielefeld, Heidelberg und Tübingen. Er war von 2000 bis 2006 Programmchef des Deutschen Evangelischen Kirchentags. Seit 2008 ist er selbstständig und arbeitet als Dozent an Hochschulen, Autor, Reiseleiter und vieles mehr.

Hier klicken und direkt zum Video gelangen: https://www.youtube.com/watch?v=M8fV__7vdSo

2020-09-28 859