Tagungsrückblick: „Naturschutz postkolonial“ im September 2025

Tagungsrückblick: „Naturschutz postkolonial“ im September 2025

Was haben Schutzgebiete in Afrika mit Kolonialismus und Menschenrechten zu tun?

Gemeinsam mit FIAN Deutschland richtete die Evangelische Akademie Hofgeismar eine Wochenendtagung aus, die einen oft übersehenen Aspekt aktueller Naturschutzprojekte in Afrika in den Mittelpunkt stellte: die Menschenrechte der lokalen Bevölkerung und die bis heute wirkenden kolonialen Kontinuitäten. Unsere zentrale Leitfrage lautete, wie koloniale Strukturen den heutigen Naturschutz prägen – und welche Folgen dies für die Menschen vor Ort hat. Besonders eindrücklich waren die Beiträge der Delegiertengruppe der Maasai aus Tansania, deren Berichte die Fachvorträge, die Podiumsdiskussion und die Gespräche in den Open Spaces um wichtige Perspektiven bereicherten.

Im fachlichen Teil der Tagung wurde deutlich, dass viele Naturschutzgebiete in Ost- und Südafrika ihren Ursprung in der Kolonialzeit haben. Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts waren zahlreiche Tierarten durch exzessive Jagd und europäische Händler gefährdet. Um das Kapital Wildtier zu schützen, erfolgte in der Serengeti-Region im Norden Tansanias die Errichtung eines Schutzgebietes mit Reservaten für die lokale Bevölkerung sowie die Einführung limitierter, gebührenpflichtiger Jagdlizenzen. Diese lagen jedoch in den Lebensräumen indigener Völker wie der Maasai. Auch die indigenen Haiǁom in Namibia erfuhren Ähnliches. Die Verdrängung in Reservate bedeutete für sie massive Einschränkungen ihrer Landrechte, ihrer Ernährungssicherheit und ihrer traditionellen Lebensweisen – ein Prozess, der sich nach der Unabhängigkeit der Länder und dem Aufschwung des internationalen Naturschutzes noch verstärkte.

 

Teilnehmende diskutieren an der Open Space Station über Verflechtungen von Diskriminierung, kolonialen Kontinuitäten und gesellschaftlichen Machtverhältnissen (Foto: Stephanie A. Janke)

In den Diskussionen zeigte sich, dass koloniale Kontinuitäten im Naturschutz bis heute wirksam sind: Dominierend bleibt ein westlich geprägtes Naturverständnis, das lokale Wissenssysteme und soziale Strukturen häufig abwertet und ignoriert. Des Weiteren bestimmt die Idee einer „unberührten Natur“, als ideologischer Gegenentwurf zu einer industrialisierten Zivilisation, die Ausgestaltung von Naturflächen und führt zur künstlichen Trennung von Mensch und Natur. Die Delegierten der Maasai, Joseph Oleshangay, Nkasiogi Lekakeny und Naipanoi Ntutu berichten in diesem Kontext von gewaltvollen Vertreibungen, Beschlagnahmungen ihrer Herden und Einschnitten in der öffentlichen Versorgung als Druckmittel. 

Zugleich wurde kritisch beleuchtet, wie Entwicklungsorganisationen und internationale Akteure Naturschutztourismus als Entwicklungs- und Modernisierungsmotor für Länder des Globalen Südens ausgemacht haben. Des Weiteren soll Naturschutzengagement zur Realisierung globaler Klimaschutzziele beitragen. Dies führt vielerorts zu einer Ausweitung von Schutzgebieten und damit zu erneuten Eingriffen in Landnutzung, Ressourcenrechte und Lebensräume der Menschen.


 

Podiumsdiskussion mit Vertreter*innen aus Entwicklungspolitik, Wissenschaft und der Maasai über Rolle von Menschenrechten im internationalen Naturschutz
(Foto: Stephanie A. Janke)

In den Debatten wurde jedoch ebenso deutlich: Natur- und Artenschutz sind angesichts globaler Krisen unverzichtbar – aber ökologische und soziale Gerechtigkeit müssen zusammengedacht werden. Dazu gehören der Einbezug lokaler Gemeinschaften in Naturschutzprojekte, die Berücksichtigung von lokalem Wissen, Lebens- und Ernährungsweisen und eine gerechte Beteiligung an touristischen Einnahmen.

„KittyCity“ – eine LEGO®-Stadt der sozial-ökologischen Zukunft entsteht

„KittyCity“ – eine LEGO®-Stadt der sozial-ökologischen Zukunft entsteht

„KittyCity“ – eine LEGO®-Bausteinestadt der sozial-ökologischen Zukunft entsteht

Rückblick: Kinderakademie im November 2025

Anfang November wurde die Evangelische Akademie Hofgeismar zum Schauplatz einer außergewöhnlichen Stadtentwicklung: Über 60 Kinder und Erwachsene verwandelten die Tagungsräume in eine pulsierende LEGO®-Metropole. Die Kinderakademie 2025 widmete sich der Frage: Wie wollen wir in Zukunft zusammenleben – sozial gerecht, ökologisch verantwortungsvoll und demokratisch gestaltet?

Gemeinsam mit Eltern, Großeltern und einem engagierten Team von Grundschullehramtsstudierenden der Universität Kassel entwickelten Kinder im Grundschulalter ihre eigene Stadt – KittyCity. Dabei standen nicht nur Kreativität und Baugeschick im Mittelpunkt, sondern auch die Auseinandersetzung mit politischen Fragen und gesellschaftlichen Herausforderungen.

Im Zentrum des didaktischen Konzepts stand ein kreatives Planspiel, in dem Kinder in Rollen schlüpften – als Bewohner*innen, Kommunalpolitiker*innen, Unternehmer*innen oder Aktivist*innen. In fiktiven Ausschüssen und Stadtratssitzungen diskutierten sie vier aktuelle Herausforderungen:

  • Wohnraummangel: Tiny Houses, schwimmende Häuser und kreative Aufstockungen schufen neuen Raum.
  • Klimaanpassung: Dachgärten, Wasserschutzmaßnahmen, schattenspendende Baumalleen.
  • Freiraum & Einsamkeit: Picknickplätze, Begegnungszonen und ein durch Spenden finanzierter Kleintierzoo.
  • Klimaschutz & Mobilität: Fahrradstraßen, Solardächer, ein Öko-Stadtbus und ein Pilotprojekt zur Wasserenergie.

Viele der Lösungen spiegelten reale gesellschaftliche Konflikte wider: etwa die Diskussion um die Schließung eines Kohlekraftwerks, die mit dem Verlust von Arbeitsplätzen einherging – oder die Einführung einer Fahrradstraße, die auf den Widerstand einzelner Autofahrer*innen stieß. Besonders eindrucksvoll war das Kirchenbauprojekt eines Vater-Sohn-Duos: Die Kirche von KittyCity wurde als sozialer Ort mit Gemeinschaftscafé, Notunterkunft und öffentlichem Zugang konzipiert.
Der gesamte Bauprozess wurde vom fiktiven KittyCity-Lokalanzeiger journalistisch begleitet. Die Berichterstattung mit ihren vier Ausgaben bietet einen spannenden Einblick in den Prozess – und ist ein weiteres Element, das Reflexion, Perspektivwechsel und politische Kommunikation förderte.
Die Kinderakademie, die bereits seit 1976 intergenerationelles Lernen ermöglicht, folgt dem Selbstverständnis der Ev. Akademie Hofgeismar, Kinder als politische Subjekte ernst zu nehmen und sie altersgerecht mit demokratischen Prozessen, Gerechtigkeitsfragen und Zukunftsthemen in Berührung zu bringen. Die Verbindung aus Bauen, Rollenübernahme, politischem Planspiel und gemeinsamer Reflexion schafft einen intensiven Lernraum, der kognitives, kreatives und soziales Lernen miteinander verzahnt.


Ausblick: Kommende Kinderakademien
Auch 2026 laden wir wieder Kinder und Familien zu spannenden Akademiewochenenden ein:


Alle(s) mitdenken?!

Alle(s) mitdenken?!

Neues Working Paper der „Innovationsgruppe inklusive politische Bildung“
Evangelische Akademien setzen sich mit ihrer politischen Bildungsarbeit aktiv für die Vermittlung und Stärkung demokratischer Werte ein. Sie ermutigen Menschen, sich in gesellschaftliche und politische Prozesse einzubringen. Akademien stellen Räume für den interdisziplinären Austausch zur Verfügung, in denen Auseinandersetzungen mit strittigen Themen, gesellschaftspolitischen Herausforderungen und Lösungsansätzen stattfinden. Bildungs- und Diskursangebote sind dabei im Idealfall so ausgerichtet, dass sie niemanden ausschließen. Um diesen Ansprüchen gerecht zu werden, ist es ein Ziel, Angebote barrierearm und inklusiv zu konzipieren und zu gestalten.

Das vorliegende Working Paper ist ein Gemeinschaftsprodukt der „Innovationsgruppe inklusive politische Bildung“. In dieser EAD-Gruppe tauschen sich Studienleitende der Evangelischen Akademien Bad Boll, Hofgeismar, Thüringen, Tutzing, Villigst und der EAD seit 2022 in regelmäßigen Treffen über inklusive Strategien aus. Sie versteht sich als ein auf Dauer angelegter fachlicher Reflexionsraum, in dem aus Fehlern gelernt, die eigene Positionierung diskutiert und Bildungsbarrieren benannt werden können.

Das Paper beinhaltet eine Klärung der Begriffe „inklusiv“ und „barrierearm“, eine Betrachtung verschiedener Dimensionen inklusiver Räume und die Reflexion mehrerer Beispiele aus der Bildungspraxis. Es ist nicht als abschließende Positionierung, sondern als Zwischenergebnis eines längerfristigen Reflexions- und Diskussionsprozess zu verstehen.

Zum Download

Grüne Energiewende in Lateinamerika

Grüne Energiewende in Lateinamerika

Neuer Sammelband erhältlich!


Im Kontext von Klimakrise, Dekarbonisierung und Energiewende erlangt Lateinamerika eine neue geopolitische Bedeutung. Zum einen ist die Region als Lieferant für sogenannte kritische Rohstoffe, ohne die Elektroautos, Windräder und Solarpaneele nicht gebaut werden könnte, wichtig. Zum anderen gewinnt sie als Absatzmarkt für grüne Technologien, die in China, den USA oder Europa produziert werden, an Bedeutung. Gleichzeitig verfügt Lateinamerika über viel Wind, Sonne und Wasser, wichtige Bedingungen für die Herstellung von grünem Wasserstoff. Diese Gemengelage wird den Subkontinent grundlegend verändern. Der anstehende Wandel schafft neue Möglichkeiten, provoziert aber auch neue Konflikte. Der Sammelband leuchtet am Beispiel der Energiewende die Zukunft Lateinamerikas aus und legt einen besonderen Fokus auf geopolitische Veränderungen, entwicklungspolitische Optionen, Konflikte und alternative Lösungsansätze.

Mit Beiträgen von
Hans-Jürgen Burchardt | Luíza Cerioli | Kristina Dietz | Felix Malte Dorn | Andreas Gutmann | Alina Heuser | Javier Lastra-Bravo | Sebastian Matthes | Fabricio Rodríguez | Nina Schlosser | Hannes Warnecke-Berger

Der Sammelband ist als Free-Access-Publikation zum Download erhältlich.

Rückblick auf den Bildungsurlaub “Wälder in der Klimakrise. Zwischen wirtschaftlicher Nutzung, Ruheort und Naturschutz“

Rückblick auf den Bildungsurlaub “Wälder in der Klimakrise. Zwischen wirtschaftlicher Nutzung, Ruheort und Naturschutz“

Welche Rolle spielt der Wald im gesellschaftlichen Wandel?

Vom 2. bis 6. Juni 2025 fand im Rahmen unseres Bildungsurlaubs eine intensive und vielseitige Auseinandersetzung mit dem Wald als Lebens-, Wirtschafts- und Kulturraum statt. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie sich der Schutz und die Nutzung von Wäldern in Zeiten der Klimakrise vereinbaren lassen – aus ökologischer, gesellschaftlicher und politischer Perspektive.

An fünf Tagen näherten sich die Teilnehmer*innen dem Thema multiperspektivisch. Der Wald wurde in Vorträgen, Diskussionen und zahlreichen Exkursionen im Reinhardswald als Vielfaltsort, Klimaschützer, Konfliktort, Ruhe- und Wirtschaftsort erkundet. Dabei wurde deutlich, wie stark konkurrierende Nutzungsinteressen den Wald prägen. Besonders anschaulich zeigte sich dies bei der Besichtigung geplanter Windkraftflächen im Reinhardswald oder bei der Exkursion zum Sägewerk Fehrensen, wo die wirtschaftliche Bedeutung der Holznutzung mit Fragen des Naturschutzes abgewogen wurde. Auch die Rolle der Jagd wurde kritisch beleuchtet: In einem Vortrag wurde die Bedeutung regulierter Wildbestände für eine erfolgreiche Wiederbewaldung diskutiert – zwischen Vegetationsschutz, Wildtierschutz und gesellschaftlicher Akzeptanz.

Teilnehmende besichtigen das Sägewerk Fehrensen in Hedemüden und diskutieren über die Vereinbarkeit von Nutzen und Schützen des Waldes. (Foto: Nadja Ahmad)

Besonders eindrucksvoll waren die unmittelbaren Begegnungen mit Waldökosystemen – etwa im Moorgebiet Federbruch, im Hutewald Schneidersbaum oder bei der Exkursion zum Friedwald, bei der auch die politische Dimension von Bestattungsformen im öffentlichen Raum diskutiert wurde.

Ein Highlight war die Baumkletteraktion im Hofgeismarer Akademiepark durchgeführt von Robin Wood e.V., bei der die Teilnehmenden selbst die Erfahrung machen konnten mit professionellem Equipment auf einen Baum zu klettern. Die Aktion stand im Kontext des Beitrags zur Rolle und Funktion von Protesten im Wald. Beim Waldbaden konnten die Teilnehmerinnen den Wald auf eine sinnlich-reflektierende Weise erfahren. Abseits von fachlichen Diskussionen und politischen Fragestellungen ging es hier um das bewusste Wahrnehmen, Entschleunigen und Innehalten im Wald. Wir danken allen Teilnehmerinnen und Referent*innen für die offenen Diskussionen, ihr Engagement und die vielen spannenden Beiträge! Falls Ihr Interesse an dem Bildungsurlaub Wald geweckt wurde, abonnieren Sie gerne unseren Newsletter und bleiben Sie auf dem Laufenden.


Kletteraktion im Akademiepark: für die Teilnehmenden geht es hoch hinaus. (Foto: Nadja Ahmad)

Wir danken allen Teilnehmerinnen und Referentinnen für die offenen Diskussionen, ihr Engagement und die vielen spannenden Beiträge! Falls Ihr Interesse an dem Bildungsurlaub Wald geweckt wurde, abonnieren Sie gerne unseren Newsletter und bleiben Sie auf dem Laufenden.

In einem Rollenspiel wird über verschiedene
Nutzungsinteressen im Wald und die Rolle der Jagd diskutiert. (Foto: Nadja Ahmad)

Veranstalter und Kooperationspartner:
Evangelische Akademie Hofgeismar in Zusammenarbeit mit der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim/Holzminden/Göttingen und der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt


Kontakt für Rückfragen:
Nadja Ahmad | Nachhaltigkeit & Politische Ökologie
Evangelische Akademie Hofgeismar
Telefon: 05671.881.121
E-Mail: nadja.ahmad@ekkw.de