Was haben Schutzgebiete in Afrika mit Kolonialismus und Menschenrechten zu tun?
Gemeinsam mit FIAN Deutschland richtete die Evangelische Akademie Hofgeismar eine Wochenendtagung aus, die einen oft übersehenen Aspekt aktueller Naturschutzprojekte in Afrika in den Mittelpunkt stellte: die Menschenrechte der lokalen Bevölkerung und die bis heute wirkenden kolonialen Kontinuitäten. Unsere zentrale Leitfrage lautete, wie koloniale Strukturen den heutigen Naturschutz prägen – und welche Folgen dies für die Menschen vor Ort hat. Besonders eindrücklich waren die Beiträge der Delegiertengruppe der Maasai aus Tansania, deren Berichte die Fachvorträge, die Podiumsdiskussion und die Gespräche in den Open Spaces um wichtige Perspektiven bereicherten.
Im fachlichen Teil der Tagung wurde deutlich, dass viele Naturschutzgebiete in Ost- und Südafrika ihren Ursprung in der Kolonialzeit haben. Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts waren zahlreiche Tierarten durch exzessive Jagd und europäische Händler gefährdet. Um das Kapital Wildtier zu schützen, erfolgte in der Serengeti-Region im Norden Tansanias die Errichtung eines Schutzgebietes mit Reservaten für die lokale Bevölkerung sowie die Einführung limitierter, gebührenpflichtiger Jagdlizenzen. Diese lagen jedoch in den Lebensräumen indigener Völker wie der Maasai. Auch die indigenen Haiǁom in Namibia erfuhren Ähnliches. Die Verdrängung in Reservate bedeutete für sie massive Einschränkungen ihrer Landrechte, ihrer Ernährungssicherheit und ihrer traditionellen Lebensweisen – ein Prozess, der sich nach der Unabhängigkeit der Länder und dem Aufschwung des internationalen Naturschutzes noch verstärkte.

In den Diskussionen zeigte sich, dass koloniale Kontinuitäten im Naturschutz bis heute wirksam sind: Dominierend bleibt ein westlich geprägtes Naturverständnis, das lokale Wissenssysteme und soziale Strukturen häufig abwertet und ignoriert. Des Weiteren bestimmt die Idee einer „unberührten Natur“, als ideologischer Gegenentwurf zu einer industrialisierten Zivilisation, die Ausgestaltung von Naturflächen und führt zur künstlichen Trennung von Mensch und Natur. Die Delegierten der Maasai, Joseph Oleshangay, Nkasiogi Lekakeny und Naipanoi Ntutu berichten in diesem Kontext von gewaltvollen Vertreibungen, Beschlagnahmungen ihrer Herden und Einschnitten in der öffentlichen Versorgung als Druckmittel.
Zugleich wurde kritisch beleuchtet, wie Entwicklungsorganisationen und internationale Akteure Naturschutztourismus als Entwicklungs- und Modernisierungsmotor für Länder des Globalen Südens ausgemacht haben. Des Weiteren soll Naturschutzengagement zur Realisierung globaler Klimaschutzziele beitragen. Dies führt vielerorts zu einer Ausweitung von Schutzgebieten und damit zu erneuten Eingriffen in Landnutzung, Ressourcenrechte und Lebensräume der Menschen.

(Foto: Stephanie A. Janke)
In den Debatten wurde jedoch ebenso deutlich: Natur- und Artenschutz sind angesichts globaler Krisen unverzichtbar – aber ökologische und soziale Gerechtigkeit müssen zusammengedacht werden. Dazu gehören der Einbezug lokaler Gemeinschaften in Naturschutzprojekte, die Berücksichtigung von lokalem Wissen, Lebens- und Ernährungsweisen und eine gerechte Beteiligung an touristischen Einnahmen.